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"La Danse Macabre"
 

„La Danse Macabre“
VÖ 5.7.2004
Armageddon Music / Soulfood


Der große Gleichmacher im gotischen Theater

All Menschen herkommen auß Erden!
Staub, Erden sie widerum werden.
Ach Eytelkeit alles zumahl!
O Schwachheit, betrübender Fall!
(Jacob Balde, Chorea Mortualis, 1649)

Die unausweichliche Konstante menschlichen Lebens – und jeden Lebens überhaupt – ist der Tod. Im Mittelalter war die Gegenwart des Todes so präsent, dass man sich dem grausamen Gevatter in Wort, Bild und Lied auf vielerlei Weise annahm. In seinen mannigfaltigen Gestalten – als Pest, Feuer, Kälte, Hunger, Krieg, Alter und anderen Leiden - begegnete er dem ärmlichen Bauern ebenso, wie dem Ritter, dem Kaufmann, dem Kaiser und dem Papst. Als großer Gleichmacher führte er den edel gewandeten Fürsten in die gleiche Dunkelheit hinab, wie den abgemagerten Krüppel in der Gosse – am Ende lagen sie alle gleichsam nackt und kalt unter der Erde.
Aus dieser Auseinandersetzung mit dem Schnitter erwuchsen im Hochmittelalter die Totentänze, die später von Frankreich aus als „Danse Macabre“ eine weite Verbreitung fanden. Der Sensemann erscheint in diesen kurzen Versen verschiedenen Vertretern der Stände mittelalterlicher Gesellschaft und bittet sie an seine Seite, zu einem letzten Tanze. „Es hilft kein appellieren nit“; egal mit welchem Flehen die Todgeweihten ihrem Exitus gegenübertreten, enden all diese Gedichte mit dem unabwendbaren Ende einer menschlichen Existenz.

Während sich schon viele Musiker an diesem Thema versucht haben, so wurde die inhaltliche Tragweite bisher nur unzureichend umgesetzt. Aeternitas meistern mit ihrem Zweitling „La Danse Macabre“ diese vielschichtige Materie, schaffen es einerseits ihr historisches Gedankengut und den Ton der Zeit beizubehalten, andererseits die Vergangenheit auf moderne Art in ein tongewordenes Gesamtkunstwerk zu verwandeln. Mit einem atemberaubenden Geflecht unterschiedlicher Stilelemente erwachen die Dialoge zwischen personifiziertem Tod und seinen Opfern zu einem mitreißenden Dasein. Man spürt den skelettierten Geiger förmlich hinter dem eigenen Rücken auferstehen, hört seinen Hauch der unheilvollen Botschaft leise über die Schulter dringen und im nächsten Moment seine kalte Hand, die zu einem letzten jagenden Tanz auffordert.

Mit ihrem Debüt „Requiem“ setzte der deutsche Gothic-Metal-Act bereits deutliche Zeichen eine nonkonformistische Verbindung aus verspielter Klassik und brachialem Metal zu suchen – und mit dem neusten Opus haben Aeternitas dieses Ziel auch erreicht. Einstweilen sind die aggressiveren Death und Black Metal anleihen des Erstlings allerdings einer breiteren musikalischen Fülle gewichen, die aber nach wie vor aus einer filigranen Verschmelzung klassischer Partituren und gotischem Düstermetall besteht. Das arienhafte Wehklagen der lieblichen Sopranistin Doria Theis erhebt sich aus wütend grollenden Grunts, kraftvolle Chöre besingen die Eitelkeit menschlicher Existenz, und über alledem thront die klare Stimme von Alexander Hunzinger, die, einem Prediger gleich, die Kunde vom Ende verbreitet.

Vermehrt setzen die Kompositionen auf theatralisch-opulente Arrangements, die sich leitmotivisch an einem immer wiederkehrenden Thema orientieren. Durch die verstärkte Einbindung synthetischer Klangwerkzeuge schwingt in einzelnen Stücken ein treibend-elektronischer Unterton mit, der die tragende Grundstimmung nicht auflöst, sondern lediglich um eine weitere Facette bereichert. Zwischen tänzelnder Operette, romantischem Musical, bombastischem Metal und zärtlicher Klassik entfaltet sich ein erlebbares Hörbuch voller phonaler Lyrik, gefühlvollem Pathos und sehnsüchtiger Melancholie. Das Phänomen der Totentänze wird aus der Vergangenheit in das Hier-Und-Jetzt transportiert und zu einem erfahr- und begreifbaren Geschehnis.

Nachdem „Requiem“ im Jahre 2000 die Welt mit einem ganz eigenen Cantus beschallte, wurde nach der durchweg positiven Resonanz der schreibenden Zunft auch bald ein passendes, stimmungsvolles Live-Programm erdacht, das sich weitab üblicher Gigs bewegen sollte. Durch liebevolle Bühnenbilder, Requisiten und Kostüme, zusammen mit schauspielartigen Darbietungen, setzte man dieses Oeuvre nicht nur klanglich, sondern auch visuell um, wie man auf zahlreichen Konzerten und Festivals, wie dem Wave Gotik Treffen, am eigenen Leibe erfahren konnte. Dieser atmosphärischen Bühnenshow und der faszinierenden und anschaulichen Erzählweise folgend, kann die Musik von Aeternitas als Gothic-Theatre-Metal beschrieben werden, denn jeder Song entspricht einer einzelnen Szene, einem Kapitel aus einem größeren Ganzen.


Anspieltipps: Nonne (Track 6), Krüppel (Track 3), Der zweite Prediger (Track14)

Line-up:
Alexander Hunzinger – Vocals
Anja Malchau – Keyboards
Birger Hinz - Vocals
Doria Theis – Vocals
Martin Hertz – Bass
Mirko Lipke – Guitar
Thomas Teschner – Guitar

Diskographie:
„Requiem“ CD (2000)
Godz Greed Records / EFA
“La Danse Macabre” CD (2004)
Armageddon Music / Soulfood